Figaro und Susanna, die in Diensten von Graf Almaviva stehen, wollen heiraten. Der Graf bereut angesichts der hübschen Braut, dass er auf sein „Recht der ersten Nacht“ verzichtet hat und versucht nun mit allen Mitteln, Susanna zu erobern. Figaro sieht sich plötzlich einer Gruppe von intriganten Gegenspielern gegenüber und muss einen Plan aushecken, um den Grafen seinerseits zu überlisten und doch noch zu seiner erhofften Hochzeit zu kommen. Mit ihrem ungehemmten Spiel der Leidenschaften stellte „Die Hochzeit des Figaro“ die sozialen Hierarchien derart in Frage, dass Kaiser Joseph II. kurzzeitig die 1786 in Wien geplante Uraufführung untersagte.
Premiere war am 12. Februar 2000. Besetzung: Stand am 27. Mai 2009
| Genre: | Oper |
| Regie: | Andrea Raabe |
| Musikalische Leitung: | Christof Prick |
| Bühne: | Tobias Dinslage |
| Kostüme: | Mechthild Seipel |
| Mitwirkende: | Jochen Kupfer (Graf Almaviva), Hrachuhí Bassénz (Gräfin Almaviva), Heidi Elisabeth Meier (Susanna), Guido Jentjens (Figaro), Ezgi Kutlu (Cherubino), Teresa Erbe (Marcellina), Martin Nyvall (Basilio), Kalle Kanttila (Don Curzio), Vladislav Solodyagin/ Rainer Zaun (Bartolo), Dae-Young Kim (Antonio), Audrey Lacrose Zictat (Barbarina) |
Unser Pärchen kommt aus Nürnberg, liefert sich im Festkleid eine Schneeballschlacht, posiert für den Fotografen in der Katharinenruine, radelt in Schleier und Frack zum Flughafen, wo es feststellen muss, dass der Flug nach Venedig gestrichen ist. Aber wer sich den Hochzeitstag durch solch leichtgewichtige Misslichkeiten vermasseln lässt, ist selbst schuld. Und so landen die zwei doch noch in der Gondel. Auch wenn’s nur die Trockenausgabe auf dem Standesamt ist.
Die witzige Film-Intro, die Michael Beyer als sinnige Ouvertüren-Bebilderung einrichtete, gibt den Ton für alles weitere vor: Susanna und Figaro – so heißen die beiden Bindungswütigen – gehören zu einer äußerst schrägen Gesellschaft, die offenbar als Riesen-Wohngemeinschaft in einer aufgelassenen Fabrikanlage lebt (Bühnenbild: Tobias Dinslage). Andrea Raabe versteht die Typen aus „Le nozze di Figaro” als sehr heutige Wesen und tut gut daran. In Zeiten, da der Titel Gräfin mehr mit Tennis denn mit sozialer Schichtung in Verbindung gebracht wird, gibt Beaumarchais’ epoche- und revolutionmachende Vorlage des „Tollen Tags” eben mehr her als nur Feudalkritik. Wie schon in ihrer temporeichen „Poppea” mangelt es Raabe nicht an Ideen, die Turbulenzen von einst in das gegenwärtige Lebensgefühl zu übersetzen.
Statt hinter verschnörkelten Sesseln verschwinden unerhörte, aber aufsässige Verehrer in Zaubertruhen, ersetzen Plastikblumen und Luftballons das Medaillon und darf der Frust über geplatzte Techtelmechtel am Flipper anstelle des arglosen Spinetts abgelassen werden. Das alles könnte modischer Schnickschnack sein, aber die Regisseurin deckt auf diese Weise doch mehr auf: Mögen sich die Zeiten, Geschlechtercodes und Flirtusancen ändern, letztlich bleibt jede Generation dem Spiel der entfesselten Hormone hemmungslos ausgesetzt. Und damit ist die heftig bejubelte Neuinszenierung am Nürnberger Opernhaus ziemlich nah am genau beobachtenden Autorengespann da Ponte/Mozart dran. Wie tiefenpsychologisch exakt die Musikalisierung des Letzteren ist, belegt das Philharmonische Orchester unter dem besonnen wie drahtig-impulsiv lenkenden Fabrzio Ventura. Da kippt vibrierender Nervenkitzel blitzartig in edelste, melodienschöne Anmut um, genauso wie die lyrischste Holzbläser-Kantilene von atemberaubendem Parlando abgelöst wird. Der Graben kommen tiert und konterkariert man den Wahnwitz der Szene.
Dort definiert sich der Hausherr über krokodilslederne Stiefel und Machobärtchen als unwiderstehliche Versuchung für die Frau an sich und im speziellen: Dimitris Tiliakos als stets gefoppter Graf hat die Hände beständig auf Oberschenkelhöhe, die von der Weiblichkeit meist sowieso freigelegt bleibt (Kostüme: Mechthild Seipel). Er trumpft viril, zuweilen durchaus majestätisch auf und weiß Niederlagen mit eisigem Pokerface zu quittieren. Im Duell der beiden lustbetonten Baritone gibt es gesanglich leichte Vorteile für Figaro: Tommi Hakala versieht den strippenziehenden Bediensteten mit vielen Farben. Aufrichtige Liebe, Zorn, intrigante Eingebung und Eifersucht – das ganze Gefühlskompendium veredelt der Finne mit Spielwitz und seiner differenziert ausbalancierten Stimme. Hakala reift zum Mozart-Sänger hoher Grade.
Gleiches lässt sich von Rebecca Martin behaupten, die von Hänsels in Cherubinos Hosen sprang. Die Mezzosopranistin füllte den nymphomanen „Voi che sapete”-Drang des pubertierenden Pagen grazil aus. Näher an der Marschallin als an der „Barbier”-Rosina lag Elena Pankratovas Gräfin mit Grande-Dame-Attitüde, während sich Susanna (Anne Lünenbürger) hochbestiefelt und miniberockt lieber handfest mit ihrer künftigen Schwiegermama (als Gast: Katherine Stone) zofft.
Das Panoptikum der Kauze komplettierten Oberintrigant Basilio (Sibrand Basa), eine Bartolo-Karikatur (Alfred Reiter), der stotternde Richter (Wilhelm Teepe), Gärtner Antonio (Nandor Tomory), das spitzbübige Luder Barbarina (Jutta Böhnert) sowie die übrigen, demonstrationsfreudigen Mitbewohner, die nicht immer stimmig zu ihren primären Geschlechtsmerkmalen drapiert sind. Insgesamt ein schlechter Tag für die Gewohnheitsbuhrufer, eintoller Tag für Regie und das junge Ensemble: Nürnbergs Oper sammelte kräftig Pluspunkte.“ Jens Voskamp, Nürnberger Nachrichten am 14.02.2000
Liebe und Begehren hochdosiert – mit diesem Rezept wollte das Opernhaus sein Publikum nach dem „Vogelhändler”-Durchhänger mobilisieren. Von beidem mehr als reichlich gibt es in Mozarts Spieloper „Die Hochzeit des Figaro”: Aus Beaumarchais’ revolutionsverdächtigem Dramenstoff machte Librettist Lorenzo da Ponte einen alle gesellschaftlichen Schranken verwischenden Reigen, bei dem die Hauptakteure nur ein einziges begehrenswertes Ziel zu kennen scheinen, das im vierten Anlauf und im vierten Akt dann endlich erreicht wird: Hochzeit!
Bis zu diesem Happy End türmen Mozart/da Ponte jede Menge Verwicklungen und Intrigen auf, die für jeden Regisseur mit Sinn für Situationskomik und Spielwitz ein wunderbares Geschenk sind. Viel damit anzufangen wusste auch Andrea Raabe, deren Version des hormonstarken Buffo-Spektakels am Samstag in italienischer Originalsprache Premiere feierte. Sehr körperbetont präsentiert sich da gleich zu Beginn das zukünftige Hochzeitspärchen: Figaro misst in Hosenträgern und Unterhemd nicht nur den Platz fürs Ehebett aus, sondern nimmt so nebenbei auch mal bei seiner geliebten Susanna Maß, die sich im Unterröckchen auf der vorerst noch imaginären Matratze räkelt. Die Skiausrüstung für die Flitterwochen steht schon bereit – Raabe und Kostümbildnerin Mechthild Seipel haben das Personal der Oper ins Niemandsland einer durchaus heutigen Freizeit- und Genussgesellschaft versetzt.
Auch der Adel pflegt eher irdische Freuden und unterscheidet sich kaum noch von seinen Untergebenen: Graf Almaviva, der Susanna seinem Diener Figaro kurz vor der Hochzeit wegschnappen möchte, begnügt sich mit einer Runde am Flipper und trägt einen roten Samtumhang, mit dem er locker als Partylöwe durchgehen würde. Solch ironisches Spiel mit Kostümen und Accessoires gibt der Inszenierung Frische: Da tänzelt Susanna mit Schnürstiefeln und Minikleidchen herum und kühlt weder den Grafen noch den in alle Frauen verliebten Jüngling Cherubino sonderlich ab. Marcellina (Katherine Stone als Gast), die mit Figaro noch eine Heirats-Rechnung offen hat, knurrt sich im hautengen Leopardenkleid durch die Szene und schmiert ihrer Rivalin Susanna slapstickartig eine Torte ins Gesicht. Dagegen verweigert Tobias Dinslages Bühnenkonstruktion jegliche Sinnenfreude. Der hohe Einheitsraum verbreitet Rohbau-Charme: Im ersten Akt wird er von überdimensionierten Wartesaaltüren unterteilt, später öffnet er sich nach hinten und dient schließlich ohne Rückwand sogar als nächtlicher Garten. Zum lebhaften Versteck- und Verwechslungsspiel liefert er lediglich die benötigten Türen und Schränke für die Auf- und Abgänge. Ansonsten soll das kahle Grau der Wände wohl eher in der Stadtratsloge Eindruck machen und eisernen Sparwillen demonstrieren.
Nun, der Farbpalette der Gefühle und Stimmungen tat das keinen Abbruch, die entwarf mit eleganter und sicherer Hand Fabrizio Ventura im Orchestergraben. Auch bei der Musik macht es „Figaros Hochzeit” dem Regisseur leicht (oder gerade dadurch schwer), weil Mozart seinen Figuren mit prägnanten und raffiniert-eingängigen Arien die Charakterisierung quasi auf den Leib schneidert. Andrea Raabe stellt sich hier zum Glück nicht quer, sondern verstärkt klug, was Mozart schon angelegt hat.
Und die Sänger und Sängerinnen danken ihr es mit einer geschlossenen und hervorragenden Ensembleleistung: Ob Elena Pankratova als von ihrem Gatten vernachlässigte, aber stimmlich umso leuchtendere Gräfin, ob Tommi Hakala als selbstbewusst bodenständiger Figaro oder Dimitris Tiliakos als stattlicher, sinnenfreudiger und dennoch sich vor Sehnsucht nach Susanna verzehrender Graf Almaviva: Sie machten diesen Abend sehens- und vor allem hörenswert. Cherubino (Rebecca Martin), den Gräfin und Susanna sehr zu ihrem Spaß als Frau verkleiden, lässt die zerrissene Gefühlswelt eines Pubertierenden eindringlich spürbar werden. Anne Lünenbürger, die als Susanna drei Akte lang darstellerisch wie stimmlich zupackend das Chaos der Gefühle ordnet, darf bei der „Rosenarie” im vierten Akt auch die lyrischen Qualitäten ihres Soprans entfalten.
Neben solch musikalischer und vokaler Vielfalt, die unangestrengt und unprätentiös aufgefächert wurde, hatte die Regisseurin für die Ensembleszenen ein paar wirksame und komische Einfälle parat – so einen gelungenen Coup de Théâtre im ersten Akt, als Graf und Cherubino sich in derselben Kiste verstecken, aber aus verschiedenen Kisten wieder hervorkommen. Selbst die Nebenfiguren sind noch für einen Farbtupfer und Lacher gut, wie der grasgrüne Gärtner Antonio (Nandor Tomory), sein etwas helleres Tochter-Pflänzchen Barbarina (Jutta Böhnert) oder der tattrige Anwalt Don Curzio (Wilhelm Teepe).
Nur Bartolo (Alfred Reiter) und Basilio (Sibrand Basa) blieben chargenhaft und anzugfarblich blass; der von Christoph Kurig einstudierte Chor löste seine überschaubaren Aufgaben in solider schwarz-weißer Hochzeitskluft, die er beim Finale des 4. Aktes endlich zu Recht trägt: Es darf geheiratet werden! Und bei Raabes Inszenierung, die lebendig und frisch mit den Versatzstücken der Buffo-Opera spielt, darf zum Hörgenuss auch geschmunzelt werden. Dieser Figaro macht Spaß, er wird sein Publikum finden und die Nerven im Opernhaus vorerst beruhigen. Ob man dadurch genug Mut schöpft, um in näherer Zukunft wieder gewagtere Werke ins Repertoire aufzunehmen, muss aber leider bezweifelt werden.“ Thomas Heinold, Nürnberger Zeitung am 14.02.2000
Das Opernhaus ist mit dem öffentlichen Nahverkehr gut erreichbar. Steigen Sie an der Haltestelle „Opernhaus” (U-Bahn Linie 2 und 3) aus. Vom Hauptbahnhof laufen Sie in fünf Minuten zur Oper. Der Busparkplatz befindet sich direkt hinter der Oper am Karl-Pschigode-Platz.
Das Opernhaus Nürnberg wurde 1903 bis 1905 im Jugendstil vom deutschen Theaterarchitekten Heinrich Seeling erbaut und ist in der Stadtsilhouette weithin erkennbar. Eine neue Innendekoration erhielt das Opernhaus 1935 durch Paul Schultze-Naumburg. 1945 wurde das Haus von Bomben getroffen. Nach dem Wiederaufbau richtete die U.S. Armee hier ein Kino und Theater ein. Seit 1956 dient es wieder als Opernhaus. Hier gelangen Oper, Operette, Klassisches Musical, Kinderkonzerte, Kammerkonzerte (im Jugendstilfoyer) sowie Liederabende zur Aufführung.