Es scheint das unabwendbare Schicksal Gioacchino Rossinis zu sein, dass wenige brillante Werke; wenn nicht gar nur eines, nämlich „Il barbiere di Siviglia”; die Wahrnehmung seines weiteren Schaffens nachhaltig verdunkeln. Weshalb es in dem breiten und vielfältigen Œuvre des Komponisten immer noch viel für die Spielpläne zu entdecken gibt. In diesem Falle ist es „Moïse et Pharaon ou Le Passage de la Mer Rouge”, zu Deutsch: „Moses und Pharao oder Der Gang durch das Rote Meer”. Und was ist das für eine Geschichte! Aus dem biblischen Buch Exodus erzählt Rossini von Moses und seinem Volk, den sieben Plagen, dem Zug durch das Rote Meer und dem Untergang der ägyptischen Verfolger … Nun ist es das Privileg der Jugend, nach den großen Stoffen zu greifen: Rossini war erst sechsundzwanzig Jahre alt, als er 1818 unter dem Titel „Mosè in Egitto” für Neapel die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, bereichert durch eine unglückliche Liebesgeschichte, vertonte. Sein musikalischer Ehrgeiz äußerte sich damals bereits in weitgespannten, durchkomponierten Szenen – und der lapidaren Bemerkung: „Das Oratorium ist fast fertig, und es geht gut. Aber es ist im allerhöchsten Stil, und ich weiß nicht, ob diese Makkaronifresser es kapieren werden.”
Als Rossini schließlich 1824 Direktor des Théâtre Italien in Paris wurde, adaptierte er das Werk für die französischen Verhältnisse und brachte es 1827 an der Opéra komplett überarbeitet als „Moïse et Pharaon” heraus. Hier wurde es ein Erfolg: Das Werk blieb bis 1865 im Repertoire. Keine andere Oper Rossinis gilt seither als derart ausgewogen zwischen musikalischer und dramatischer Ausdruckskraft. An Deutlichkeit lässt es auch der Sohn des Pharaos, nachdem ihm die Israeliten entkommen sind, nicht mangeln: „Exterminons une coupable race!” / „Lasst uns eine schuldige Rasse ausrotten!” Dann trifft das Gottesgericht die ägyptischen Verfolger und die Wellen schlagen über ihnen zusammen.
Premiere war am 30. Januar 2010.
| Genre: | Oper |
| Regie: | David Mouchtar-Samorai |
| Musikalische Leitung: | Guido Johannes Rumstadt |
| Bühne: | Heinz Hauser |
| Kostüme: | Urte Eicker |
| Mitwirkende: | Nicolai Karnolsky (Moïse), Sebastian Dominik (Moïse (Schauspieler), Melih Tepretmez (Pharaon), David Yim (Aménophis), Richard Kindley (Éliézer), Vladislav Solodyagin (Osiride), Kalle Kanttila (Aufide), Ezgi Kutlu (Sinaide), Hrachuhí Bassénz (Anai), Teresa Erbe (Marie), Vladislav Solodyagin (Une Voix mistérieuse) |
„Es wird viel gebetet und gelobpreist in dieser Rossini-Oper. Regisseur Mouchtar-Samorai entgeht der Pathosfalle, in dem er gezielt Lächerlichkeiten einbaut. So bekommt Herzl-Moses einen alttestamentarischen Doppelgänger, der in Sandalen, weißem Gewand und Stab in der Hand mehr wie ein ausgeflippter Eremit aus einem Monty-Python-Film agiert. Und wenn Moses den Ägyptern die sieben Plagen auf den Hals hetzt – mit tollem giftgelbem und blutrotem Lichtdesign von Karl-Heinz Kornberger – ist die Gottesvisualisierung absichtlich naiv. Der Allmächtige kommt als weiße Wolke daher, oder als riesiger Pappmaschéfinger, an dem die Gesetzestafeln kleben. […]
Die Entdeckung des Abends ist die Mezzosopranistin Ezgi Kutlu, die sich als Pharaonengattin in einer unwiderstehlichen Mischung aus Schönheit, Bühnenpräsenz und Wohlklang in die Herzen der Zuschauer singt. Gut unterstützt von den schwungvoll aufspielenden Nürnberger Philharmonikern. Die Aufführung von „Moise et Pharaon“ endet übrigens nicht instrumental mit dem Ertrinken der Ägypter im Roten Meer, sondern mit einem Lobgesang der Juden, der sich nur in der Klavierpartitur zur Oper findet. Ein eindrucksvoller Schluss ohne Happy End, denn der Regisseur zeigt Israel nicht als gelobtes Land, sondern als qualmende Ruinenstätte. Insgesamt ein gelungener Theaterabend.” Dirk Kruse, BR-Klassik am 01.02.2010
Lesen Sie hier die vollständige Besprechung in den Nürnberger Nachrichten, der Nürnberger Zeitung und der Abendzeitung Nürnberg.
Das Opernhaus ist mit dem öffentlichen Nahverkehr gut erreichbar. Steigen Sie an der Haltestelle „Opernhaus” (U-Bahn Linie 2 und 3) aus. Vom Hauptbahnhof laufen Sie in fünf Minuten zur Oper. Der Busparkplatz befindet sich direkt hinter der Oper am Karl-Pschigode-Platz.
Das Opernhaus Nürnberg wurde 1903 bis 1905 im Jugendstil vom deutschen Theaterarchitekten Heinrich Seeling erbaut und ist in der Stadtsilhouette weithin erkennbar. Eine neue Innendekoration erhielt das Opernhaus 1935 durch Paul Schultze-Naumburg. 1945 wurde das Haus von Bomben getroffen. Nach dem Wiederaufbau richtete die U.S. Armee hier ein Kino und Theater ein. Seit 1956 dient es wieder als Opernhaus. Hier gelangen Oper, Operette, Klassisches Musical, Kinderkonzerte, Kammerkonzerte (im Jugendstilfoyer) sowie Liederabende zur Aufführung.