Mit was für einem fulminanten orchestralen Aufbruch begann am 14. Januar 1900 im Teatro Costanzi in Rom das neue Jahrhundert! Und auch heute noch, 110 Jahre später, erweckt Baron Scarpias Tyrannenmotiv zu Beginn von Giacomo Puccinis „Tosca“ die Erwartung auf einen großen Opernabend …
Die Geschichte um die gefeierte Sängerin Floria Tosca, die am 17. Juni 1800 in Rom wegen ihrer Eifersucht in eine tödliche Intrige gerät, zählt freilich zu den düstersten Stoffen, die je auf die Opernbühne kamen. So düster, dass die Kritik noch 1902 anlässlich der deutschen Erstaufführung in Dresden „die Missgeburt einer scheußlichen, krassen Schauergeschichte“ beklagte, während sich das Publikum schon längst für das glutvoll-theatralische Stück und seine unüberhörbare musikalische Qualität begeisterte. Seither ist „Tosca“ von den Spielplänen nicht mehr wegzudenken – und markiert in seiner minutiösen Verzahnung von Text und Musik, von Drastik und Genauigkeit einen Meilenstein in der Kunst veristischen musikalischen Erzählens auf der Opernbühne.
Geschichtlich belegt ist dabei die royalistische Schreckensherrschaft des Polizeichefs Scarpia. Er versuchte einst in Rom durch gnadenlose Verfolgung der Republikaner, zu denen auch der Maler Cavaradossi – der Geliebte Toscas – zählt, das alte Regime zu retten, während Napoleon bereits an den Grundfesten des Habsburger Reiches rüttelte. Tosca gerät in den Sog des Verderbens. Sie tötet Scarpia, kann die Erschießung Cavaradossis nicht verhindern und springt, verfolgt von den Schergen Scarpias, von der Engelsburg in die Tiefe. Angesichts der schier atemlosen Handlungskette aus Verfolgung, Folter, versuchter Vergewaltigung, Totschlag, Erschießung und Selbstmord gewinnt die Musik, die Kunst als solche, neue utopische Kraft. Sie ist es, die Tosca und Cavaradossi Momente der Seligkeit, die Kraft zum Widerstand und die Verheißung auf eine mögliche, bessere Welt verleiht. Wie singt Tosca? „Vissi d’arte, vissi d’amore / Ich lebte für die Kunst, ich lebte für die Liebe.“
Premiere war am 04.06.2011
| Genre: | Oper |
| Regie: | Jens-Daniel Herzog |
| Musikalische Leitung: | Marcus Bosch |
| Bühne und Kostüme: | Mathis Neidhardt |
| Ende nach ca.: | 2 Stunden 20 Min |
| Mitwirkende: | Mardi Byers (Floria Tosca), David Yim (Mario Cavaradossi), Mikolaj Zalasinski (Baron Scarpia – Chef der Polizei), Vladislav Solodyagin (Cesare Angelotti), Daeyoung Kim (Der Mesner), Richard Kindley (Spoletta – Agent der Polizei), Suren Manukyan (Sciarrone – Gendarm), Gor Harutyunyan (Ein Schließer), Esen Demirci (Ein Hirt) |
„Auch musikalisch geht die Nürnberger Tosca unter die Haut. Der scheidende Chefdirigent Christof Prick packt in seiner letzten Premiere wie der Maler Cavaradossi noch einmal den reichhaltigen Farbkasten aus, und schwelgt mit seinen Philharmonikern mal in impressionistisch zarten, mal in expressionistisch grellen Puccini-Klangfarben. Mardi Byers als Tosca, die im ersten Akt noch die chargierende Primadonna mimen muss, gewinnt an Wahrhaftigkeit, als sie in ihrer Garderobe von Scarpia bedrängt ihre Perücke abnimmt und ihre Vissi-d’arte-Arie singt. […] Tenor David Yim gibt einen stimmlich wirklich eindrucksvollen Cavaradossi […] Mikolaj Zalasinski spielt Scarpia, die graue Eminenz der Diktatur, als gerissenen, gewissenlosen und zur Hybris neigenden Biedermann in grauem Businessanzug mit randloser Brille und sorgt mit seinem fulminanten Bariton für wahre Gänsehautmomente. Fazit: Die Nürnberger Tosca ist nichts für schwache Nerven, aber schaurig-schön.“ Dirk Kruse, BR Klassik am 06.06.2011
Das Opernhaus ist mit dem öffentlichen Nahverkehr gut erreichbar. Steigen Sie an der Haltestelle „Opernhaus” (U-Bahn Linie 2 und 3) aus. Vom Hauptbahnhof laufen Sie in fünf Minuten zur Oper. Der Busparkplatz befindet sich direkt hinter der Oper am Karl-Pschigode-Platz.
Das Opernhaus Nürnberg wurde 1903 bis 1905 im Jugendstil vom deutschen Theaterarchitekten Heinrich Seeling erbaut und ist in der Stadtsilhouette weithin erkennbar. Eine neue Innendekoration erhielt das Opernhaus 1935 durch Paul Schultze-Naumburg. 1945 wurde das Haus von Bomben getroffen. Nach dem Wiederaufbau richtete die U.S. Armee hier ein Kino und Theater ein. Seit 1956 dient es wieder als Opernhaus. Hier gelangen Oper, Operette, Klassisches Musical, Kinderkonzerte, Kammerkonzerte (im Jugendstilfoyer) sowie Liederabende zur Aufführung.