Der Dichter Georg Kaiser und der Komponist Kurt Weill haben ihren Einakter, der 1926 mit sensationellem Erfolg an der Dresdner Semperoper uraufgeführt wurde, im alten England angesiedelt. Der namenlose Prinzipal und Protagonist einer Komödiantentruppe ist von seinem Beruf besessen. Nur seine Schwester, die er sehr verehrt, vermag es, ihn von der Lüge seiner Masken immer wieder zur Wahrheit zu führen. Sie hat ihn nie belogen, doch verschweigt sie ihm diesmal ihre Beziehung zu einem jungen Mann. Vor dem Herzog soll der Protagonist am Abend eine Pantomime aufführen. Er probiert mit seinen Leuten die gewünschte deftige Posse. Die Schwester, die auf eine günstige Gelegenheit gewartet hat, ihm ihren Geliebten vorzustellen, nutzt die heitere Stimmung für ein Geständnis. Doch der Herzog verlangt nun plötzlich nach einem ernsten Stück mit dem Protagonisten als eifersüchtigem Ehemann. Als in der Probe dazu seine Schwester wieder erscheint, verwechselt er Spiel und Realität und ersticht sie. In Leoncavallos »Pagliacci« steht ebenfalls der Prinzipal und Protagonist einer Schauspielertruppe im Mittelpunkt. canio weiß, dass seine Ehefrau Nedda ihm untreu ist. In der abendlichen Komödie spielt er Bajazzo, den gehörnten Ehemann. Während der Vorstellung wird aus dem Spiel Ernst: canio-Bajazzo tötet colombine-Nedda.
IN KOOPERATION MIT DEM KURT WEILL FEST DESSAU
Copyright: Anhaltisches Theater Dessau
| Genre: | Oper |
| Regie: | André Bücker |
| Musikalische Leitung: | GMD Antony Hermus |
| Bühne: | Oliver Proske |
| Ende nach ca.: | 2:45 |
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.2.2011
Der Tod macht die Musik
DESSAU-ROSSLAU/MZ. Die Welt ist eine Bühne ist eine Welt: Hinter dem Vorhang bauscht sich eine weitere Gardine, das Portal verlängert sich bis zum Horizont, die Kostüme sind von den Alltagskleidern nicht zu unterscheiden – und die Schauspieler überschminken vor dem Spiegel ihre Masken. Die Selbstverhandlung des Theaters auf dem Theater, die sowohl in Kurt Weills „Der Protagonist” als auch in Ruggero Leoncavallos „I Pagliacci” ein zentrales Motiv darstellt, verdoppelt die Illusion mit dem Ziel ihrer Zerstörung. Und wenn am Ende beider Opern ein realer Mord geschieht, dann zeigt dies auf fatale Weise die Vermischung von Kunst und Leben – und ist doch wieder Theater. Die Verknüpfung der beiden Werke bescherte dem Dessauer Kurt-Weill-Fest nun einen großen Eröffnungsabend im Anhaltischen Theater. Erstmals seit der Jubiläumsproduktion des „Kuhhandel” im Jahr 2000 inszenierte ein Hausherr wieder selbst – und anders als die anmaßende Karikatur seines Vorgängers zeigte André Bücker eine vielschichtige Deutung, die sich in den Dienst des selten gespielten Weill-Erstlings von 1926 und des Vorläufers von 1892 stellte. Einen wesentlichen Anteil am Gelingen des Konzepts hatte dabei das Bühnenbild von Oliver Proske.
Die Holzschachtel, in der die warme Farbe und die Ornamentbänder des Bühnenportals aufgenommen werden, entpuppt sich mit fortschreitendem Geschehen als magische Box voller Fenster und Türen, Schubladen und Verstecke. Da können sich Wände zum Kreuzgang einer Kirche öffnen, da kippen Dächer aus dem Himmel und da schieben sich Balkone in den Raum – eine Fülle von Spielorten und -anlässen, die von der Regie dankbar angenommen wird.
Als dramaturgische Klammer setzt Bücker zudem eine symbolische Figur: Ein Kind mit Schädelmaske rammt zu den ersten Klängen einen Dolch in die Mitte der Vorbühne, das Mord-Instrument ist von Anfang an präsent – und fortan macht der Tod die Musik. Auch das Orchester des Herzogs, mit dem der Protagonist sein Stück in Szene setzen soll, erscheint als Gruppe von Knochenmännern. Wenn im zweiten Teil der Kinderchor auf stummen Saiten spielt, spiegeln sich diese lärmenden Leichen in lautlosen Lebenden – so, wie sich die Handlung der Stücke vielfach wechselseitig reflektiert.
Das zieht sich bis in die Stimmfarben der Hauptfiguren hinein: In beiden Fällen ist der Prinzipal der Theatertruppe ein Tenor, der heimliche Liebhaber ein Bariton – und das Opfer ein dramatischer Sopran. Hinzu gesellen sich Boten und die niederen Chargen des Ensembles sowie – im Falle des „Pagliacci” – das Publikum. Mit Wiard Witolt (Junger Herr / Silvio), Ulf Paulsen (Wirt / Tonio) und David Ameln (Hausmeister / Peppe) kann das Haus auf ausschließlich eigene Kräfte zurückgreifen, die hinter wechselnden Masken gemeinsame Triebkräfte ihrer Gestalten sicht- und hörbar machen – in Abwandlung des Satzes aus Georg Kaisers Libretto „Figur ist gleich, nur grenzenlose Verwandlung gilt!”.
Mit Angus Wood als Protagonist und Sergey Drobyshevskiy als Canio werden zudem zwei hoch gestimmte Herren aufgeboten, deren Timbres sich bei einer optimalen Disposition des Bajazzo noch besser ergänzen dürften. Immerhin findet Leoncavallos Held im Moment des größten Schmerzes auch zu jener Kraft, mit der Drobyshevskiy zuletzt in der „Turandot” begeisterte. Angus Wood hingegen hält nicht nur der ambitionierten Klangsprache des damals 25-jährigen Komponisten und dem elaborierten Text seines Librettisten stand, sondern bewährt sich mit seinen Mitspielern Cezary Rotkiewicz, Christian Most und Anne Weinkauf auch in den beiden großen, zentralen Pantomimen.
Mit diesen stummen Szenen hat Weill eine bleibende Herausforderung über mehr als 100 Takte geschaffen. Gabriella Gilardi füllt diese gewaltigen Intermezzi mit den Mitteln eines derben Volkstheaters, das bereits auf die obligatorischen Commedia-Szenen im „Pagliacci” verweist – und choreografiert dort dann einen Kirchgang, der auf die forcierten Auftritte der Theatermacher im „Protagonisten” zurückdeutet. Der leuchtende Solitär aber ist einmal mehr Iordanka Derilova, die an diesem Abend den doppelten Bühnentod stirbt, nachdem sie in beiden Stücken starke, liebende Frauen zum Leben erweckt hat. Wenn sie als Nedda verzweifelt versucht, aus dem echten Konflikt mit Canio in die Harmlosigkeit der Komödie zurückzufinden, dann schließt sich ein Kreis – und man hört Leoncavallos Finale mit an Weill geschulten Ohren.
Beide Klangsprachen sind bei Antony Hermus in besten Händen, selbst wenn die Anhaltische Philharmonie am Ende ein wenig mit ihrer Konzentration zu kämpfen hat. Der nervöse, kleinteilige Gestus des jungen Weill fordert eben doch Tribut, gemeinsam mit den von Dorislava Kuntschewa und Helmut Sonne exzellent gearbeiteten Chören aber gelingt eine großartige Ensemble-Leistung. Und beiläufig wirkt das Ganze auch wie eine Antwort auf die Festakt-Ansprache des scheidenden Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer, der einmal mehr freihändig über An- und Zuspruch der Theater im Land sinniert hatte. Hier stimmt beides!
| Sa | 25.02.12 | 16:00 | Buchungs-Anfrage |
| Sa | 03.03.12 | 17:00 | Buchungs-Anfrage |
| Do | 22.03.12 | 16:00 | Buchungs-Anfrage |
Das Theater verfügt über einen Behindertenaufzug und eine behindertengerechte Toilette. In der ersten Parkettreihe befinden sich 4 Plätze für Rollstuhlfahrer.
Der Dessauer Hauptbahnhof ist nur 300 Meter vom Theatergebäude entfernt. Gegenüber dem Theater befindet sich das Steigenberger-Hotel „Fürst Leopold”. In der dortigen Tiefgarage besteht die Möglichkeit, zu Sonderkonditionen zu parken (Einfahrt Fritz-Hesse-Straße).
Das Theatergebäude am Friedensplatz wurde 1938 eröffnet. Nach einer Teilzerstörung während der Bombardierung der Stadt am 7.03.1945 wurde das Theater 1949 mit einigen Veränderungen im Zuschauerbereich wieder eröffnet. Das Grosse Haus verfügt heute über 1096 Plätze. Die Bühne ist mit einer Gesamtbühnenfläche von 1450 Quadratmetern eine der größten Europas! Das Theater verfügt über vier Sparten: Musiktheater (Oper, Operette, Musical), Schauspiel, Ballett, Puppentheater. Generalintendant ist André Bücker.