Die Geschichte des Besucherrings beginnt im Nachkriegsdeutschland des Jahres 1948. Trotz der in den Städten vorherrschenden Trümmerlandschaften sehen die Menschen langsam wieder ein wenig hoffnungsvoll in die Zukunft. So erfreuen sich auch die Theater wieder großer Beliebtheit – zumindest kurzfristig. Mit der Währungsreform kommen die Schwierigkeiten, die Zuschauer bleiben aus und die deutschen Bühnen stürzen in eine ernsthafte existenzielle Krise. Dr. Otto Kasten, seines Zeichens ein enthusiastischer Theatermann will diesem Niedergang deutscher Theaterkultur nicht tatenlos zusehen. Wenn die Leute nicht von selbst in die Theater kommen, so seine einfache wie brillante Idee, dann muss man sie eben holen. Es muss einen Service geben für all jene, die in den umliegenden Regionen der großen Theater wohnen, ein Service, der sie komfortabel und bequem in die Theater bringt und abends wieder zurück. Der damalige Bürgermeister von Lübeck, dem Otto Kasten seine Idee vortrug, tat diese als „idealistischen Quatsch“ ab. Doch er hatte Kasten unterschätzt: Auf einem Fahrrad mit Hilfsmotor klapperte dieser, ohne materielle Hilfe und auf eigenes Risiko, die Dörfer ab und suchte dort das zukünftige Publikum. Ungläubig sahen die Zweifler im Januar 1949 die ersten Busse aus dem Holsteiner Land vor das Theater der Hansestadt rollen. Das war die Geburtsstunde einer langen Erfolgsgeschichte. Das „Lübecker Modell“ sprach sich lauffeuerartig herum und schon bald traten weitere Städte mit der Bitte um Gründung eines Besucherrings an Dr. Kasten heran.
Mittlerweile ist der Besucherring aus der deutschen Theaterlandschaft nicht mehr wegzudenken. Jedes Jahr genießen Menschen, denen ohne dieses Angebot die nötige Mobilität fehlen würde, den Busservice der Besucherringe. Es haben sich viele Gruppen Kulturbeflissener gefunden, die Freude daran haben, gemeinsam eine schöne Inszenierung zu sehen und anschließend im Bus oder bei einem Glas Rotwein angeregt das Erlebte zu interpretieren. Somit ist der Besucherring auch ein Treffpunkt des kulturellen Austauschs geworden. Theater lebt bekanntlich von Veränderung. Dementsprechend hat sich auch die Arbeit des Besucherrings in den letzten Jahrzehnten verändert. So erhielt beispielsweise das Kinder- und Jugendtheater durch die Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten, einen besonderen Stellenwert. Junge Menschen für Theater zu sensibilisieren und zu begeistern ist gerade in der heutigen Zeit ein besonders wichtiger Bildungsauftrag geworden.
Der Besucherring in seiner Vielseitigkeit und Einzigartigkeit wäre jedoch ohne die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter undenkbar. Ihrem unermüdlichen Einsatz und ihrer Begeisterung, mit der sie das Theaterleben in die Regionen tragen, gebührt besonderer Dank. Ihr Engagement gewährleistet, dass der Besucherring auch in Zukunft Menschen ins Theater bringen und ihnen dadurch ergreifende Musik, mitreißende Geschichten und traumhafte Poesie, also nicht zuletzt ein Stück Glück vermitteln kann.